Secondhandshops

Secondhandläden führten hier zu Lande bislang eher ein ödes Nischendasein. Seit drei Jahren jedoch verzeichnet die Branche – quer zum allgemeinen Wirtschaftstrend im heimischen Einzelhandel – einen gewaltigen Boom. Anspruchsvolle Geschäftskonzepte, professionelles Marketing und größere, kundenfreundlichere Läden mit hochwertigen Waren verdrängen den - Schmuddel- -Trödler an der Ecke. Umsatzzuwächse von bis zu 50 Prozent sind der Lohn.

Es ist, als ob ein Heinzelmännchen die Tür aufgemacht und frische Luft in die muffige Bude gelassen hätte. Wer dieser Tage Secondhand-Geschäfte in Deutschland besucht, erlebt vielerorts eine ungeahnte Renaissance. Diesseits der - Hausfrauen- und Hobbygründerszene- setzt sich eine völlig neuartige Verkaufskultur in der Branche durch. Ob das noble Designermodegeschäft im gutbürgerlichen Münchener Stadtbezirk, ob das klug sortierte, preisgünstige Gebrauchtwarenkaufhaus im Berliner Milieuviertel oder der Dresdener - Nostalgie- -Kauftempel – ihre Inhaber haben eines gemeinsam: den Willen zum Erfolg und ein solides Geschäftskonzept.

 


Zugegeben: Neu ist das Thema - Secondhandshops- nicht. Auch Die Geschäftsidee hat in den vergangenen Jahren immer wieder über originelle oder lukrative Gründungen und Konzepte berichtet. Und doch hat sich der Markt auch bei uns entscheidend gewandelt. Nicht nur wegen eBay, das inzwischen Milliarden-Euro-Umsätze mit seiner virtuellen Auktionsplattform erzielt.

Von kaum jemandem beachtet, hat sich gleichsam im Selbstlauf eine Branche um- oder vielmehr neuorganisiert, die bis dahin ein Schattendasein führte. Wie in Frankreich und Belgien, wo Nobel-Flohmärkte seit längerem florieren und Gebrauchtwaren-Franchise-Kaufhäuser à la Troc International mittlerweile Umsätze im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich erzielen, drängen endlich auch die deutschen Secondhandshops ans Sonnenlicht.

- Die Branche erlebt gegenwärtig einen ähnlichen Wandel, wie ihn ALDI mit seinem Sortiment durchgemacht hat. Hummer statt Dosenwurst, Champagner statt Wermut heißt die Devise- , sagt Felizitas Pokora vom nordrhein-westfälischen Verbund für Ökologie und soziales Wirtschaften - netz NRW- , in dem 362 Mitgliedsbetriebe organisiert sind.

Verlässliche statistische Zahlen gibt es für die Secondhand-Branche hier zu Lande noch nicht, auch deshalb, weil sich erst jetzt ein Bundesverband mit entsprechenden Mitglieder-Umfragen zu etablieren beginnt. Das Statistische Bundesamt führt lediglich eine Statistik über - Einzelhandel mit sonstigen Gebrauchtwaren- , die jedoch keine Gebrauchtautohändler und Trödler berücksichtigt, mithin nur halbwegs als repräsentativ für die Branche angesehen werden kann. Demnach stiegen Zahl und Umsatz der steuerpflichtig erfassten Betriebe von bundesweit 4.519 im Jahr 1998 (= 1,841555 Mrd. Mark) auf 4.632 ( = 1,100.922 Mrd. Euro) in 2000. Die Zahlen für die Vorjahre lagen bei Redaktionsschluss im Mai noch nicht vor; die erfragte Steigerung um knapp eine halbe Million Mark dürfte aber am unteren Ende der tatsächlichen Bilanzen liegen.

So hat die jüngste Mitgliederumfrage des Münsteraner Quasi-Bundesverbandes der Secondhandhändler - Second-Hand vernetzt- (siehe Interview auf S. ...) eine Steigerung der Vorjahres-Umsätze um fünf bis 45 Prozent ergeben. - Wir haben 6.000 Adressen von Secondhand-Geschäftsadressen in unserer Kartei. Es gibt derzeit einen wahren Boom, alles ist im Aufbruch und gründet Secondhandshops auf immer professionellerem Niveau- , beschreibt die Verbandsvorsitzende Daniela Kaminski das neue - Goldrush- -Fieber der Branche. Auf mittlerweile 10.000 solide geführte Betriebe, abzüglich Gebrauchtautohändler, schätzt der Verband die Größe der heimlichen Branchenstreitmacht bundesweit. Die - Dunkelziffer- dürfte noch viel höher liegen.

Ein weiterer wichtiger Hebel zur Professionalisierung sind neue, branchenspezifische Fach- und Publikumszeitschriften wie das Münsteraner Branchenblatt - Second-Hand aktuell- oder die Kundenzeitschrift - chic & schnack- , deren Titel die veränderte Marschrichtung andeutet. Die Internet-Plattform www.secondhand-online.de wiederum deckt erstmals auch die Bedürfnisse der Webuser ab und hat inzwischen den Rang als bundesweiter Branchenführer inne.

Schließlich tragen Innovationen wie das neue, computerunterstützte Kassen- und Warenwirtschaftssystem - sec-co-system- der Bad Sodener Entwicklungsfirma Dr. Eckhardt + Partner zu mehr Transparenz, Effizienz und Schnelligkeit bei der Abwicklung des einst so schwerfälligen Ladengeschäfts bei. Ein Übriges tun die Bemühungen der Verbände um ein Gütesiegel der Branche mit entsprechenden Qualitätsstandards sowie die Einrichtung eines Ausbildungsberufs zum Gebrauchtwaren-Einzelhandelskaufmann bei. Umgekehrt verschiebt sich der rechtliche Rahmen, in dem sich die Geschäfte bisher bewegten; so wird die EU noch in diesem Sommer neue Richtlinien für die Abfallentsorgung erlassen, was vor allem die Weiße-Ware-Geschäfte betrifft. 

Der zeitgeistige Trend zum Secondhandgeschäft auf hohem Niveau hat verschiedene Ursachen. Zum einen fordert auch in Deutschland eine neue Sparsamkeits-, aber auch Anspruchs-Mentalität ihren Preis – erinnert sei nur an den gegenwärtigen, sehr verkaufsträchtigen Slogan der Kaufhof-Kette - Geiz ist geil- . Zum anderen reagiert selbst die Humana-Kette mit ihrer Billigkleiderware aus zweiter, wo nicht dritter Hand, auf das gewandelte Kundenbedürfnis mit der Einrichtung von Nobel-Ecken in ihren Verkaufsgeschäften. Neue Zielgruppen werden entdeckt, wie die Generation - 45Plus- , - weniger aristokratische Herren mit angegrauten Schläfen, sondern ältere Individualisten, Stöberer und die Menschen aus dem Viertel- , so Expertin Daniela Kaminski. Bücher wie das - Handbuch für Senioren-Marketing- (s. Seite Tipps und Adressen) haben eine solvente Zielgruppe im Blick, die bei den inzwischen wohlsituierten - 68ern- nicht endet.  

Doch auch die Läden selbst, etwa die Geschäfte für gehobene Designermode, tragen nicht unerheblich zu einem neuen Bewusstsein bei, dessen Träger nicht immer gleich auf billige Neuware fliegen, sondern sich vorher erst einmal anschauen, was die Gebrauchtwarenläden zu bieten haben; was günstig als Schnäppchen zu erstehen bzw. zu leihen oder mieten ist. Immer mehr Läden ziehen von Randlagen in die Innenstädte, bieten mehr oder speziellere Waren auf größeren Verkaufsflächen an.

Manche Inhaber ergänzen ihr Stammsortiment um wertvolle Zusatzstücke wie antike Möbel oder Lampen; wieder andere veranstalten Modeschauen oder PR-trächtige Verkaufsaktionen und binden so die Kunden von morgen.

Drittens begünstigt der in allwöchentlichen Zeitungsannoncen dokumentierte, nach Auffassung von Marktbeobachtern - selbstmörderische- Trend großer Handelsketten, namentlich der Elektrobranche, zu immer billiger verschleuderten Neugeräten ein Umdenken bei den Kunden. - Gerade bei weißer Ware ist die Qualität der gebrauchten, aber sorgsam geprüften Geräte ein wichtiges Argument für den Verkauf- , weiß etwa Karin Wendlandt, Chefin der Berliner cool&clean GmbH.

Wichtige Umsatzfaktoren sind vor diesem Hintergrund: Qualität der Ware, faire Preise, eine anmutige Gestaltung und angemessene Lage des Geschäfts wie eine professionelle, kundenfreundliche Verkaufsabwicklung.

Ein maßgeblicher Schwerpunkt ist und bleibt daher das Ladengeschäft, auch wenn pfiffige Secondhand-Pioniere wie der Dresdener Allround-Unternehmer Peter Wölki inzwischen das Internet als ideales Verkaufsmedium bevorzugen, ja ihr komplettes Sortiment fotografiert ins Netz stellen.

Das PRESSEBÜRO SPREETEXT hat für DIE GESCHÄFTSIDEE exemplarisch drei Erfolgszweige der Branche analysiert und sechs Secondhandshops im Lande hierzu besucht.

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